Durch die Umschulung der Händigkeit kann es zu sog. Umschulungsfolgen kommen.
Umschulung - hier am Beispiel der umgeschulten Linkshändigkeit, da dies am häufigsten vorkommt - bedeutet, dass meistens schon ab dem Kleinkindalter durch verschiedene Gründe ein
Kind nicht lernt bzw. nicht frei ist, seine dominante linke Hand als Führungshand und die rechte Hand als Haltehand einzusetzen. Dies kann z. B. dadurch passieren, indem durch das überwiegend
rechtshändige Umfeld dem Kind Dinge nicht neutral gegeben oder hingehalten, sondern von vornherein in die rechte Hand gegeben werden (in vermeintlicher guter Absicht...), das Kind seine
rechtshändigen Spielkameraden oder Eltern usw. nachahmt, weil es alles genau beobachtet und schnell lernen will. Oder es bestehen noch später sog. frühkindliche Reflexe oder sog.
Überkreuzschwierigkeiten (Körpermitte), die das Entwickeln und Leben der bereits bei Geburt im Gehirn angelegten Händigkeit verzögern. Auch wenn heute offiziell z. B. in Schulen linkshändige
Kinder nicht mehr zum Rechtsschreiben gezwungen werden, kommen viele linkshändige Kinder aus den vorgenannten Gründen schon "umgeschult" in die Schule. Es fehlt einfach noch an Aufklärung und
Wissen bzw. Bewusstheit, was Händigkeit ist, wie sie ab dem Babyalter beachtet und gefördert werden kann usw. usf. Außerdem gibt es immer noch viele Vorurteile über Linkshändigkeit, immer wieder
kommt es auch heute noch in manchen Familien, in den Krippen oder KiGas vor, dass sich zeigende linkshändige "Tendenzen" bei einem Kind z. T. bewusst übergangen werden und die rechte Hand
bevorzugt wird, weil "das Kind es ja mal leicht haben" soll. Auch religiöse oder kulturelle Dinge spielen eine Rolle (ein sehr gutes Beispiel hier: http://www.youtube.com/watch?v=cm1MW6gfZdk ). Oder weil der Irrtum besteht,
Linkshändigkeit sei so selten, das könne ja beim eigenen Kind schon gar nicht zutreffen: Da es eine hohe Dunkelziffer umgeschulter linkshändiger Erwachsener gibt, die selbst davon nichts
ahnen und als Pseudo-Rechtshänder durchs Leben gehen, findet dieser Irrtum rein äußerlich in der anscheinend mehrheitlich rechtshändigen Umwelt natürlich ständige Bestätigung ("sieht man doch").
Ein Umgeschultsein kann natürlich auch unfall-und krankheitsbedingt entstehen, bei Links- und Rechtshändern, sowohl im Kindes- als auch im Erwachsenenalter.
Umgeschultsein bedeutet also nicht (nur), dass jemand bewusst und mit Gewalt gegen seinen Willen gezwungen wurde, als Linkshänder die rechte Hand als dominante Hand zu benutzen, es gibt ganz
viele Gründe dafür.
Auch die Umschulungsfolgen, die daraus entstehen können, sind nicht etwa von "Gewalteinwirkungen" abhängig, zusätzliche gewaltsame Umschulungsumstände können natürlich weitere,
z. T. schwere Folgen haben, auf primärer und sekundärer Ebene.Und letztlich ist auch der "sanfte", "gutgemeinte" oder allen Seiten "unbewusste", sich über Jahre einschleichende Prozess der
Umschulung am Ende immer ein massiver Eingriff in die körperliche Integrität. Gerade dies kann wegen der fehlenden Erinnerungen aller Beteiligten auch deshalb / zusätzlich sehr schlimm sein, weil
nach Jahren oder Jahrzehnten niemand mehr so leicht darauf kommt, Mensch, bestimmte Probleme könnten ja mit einer umgeschulten Händigkeit zu tun haben. Leider bleibt es dann oft dem Zufall oder
nur hartnäckigem Suchen überlassen, dem Ganzen auf die Spur zu kommen.
Da vor allem das Schreiben, aber auch viele andere feinmotorische Handlungen im Alltag, für unser Gehirn, unser Bewusstsein und unseren Körper hochkomplex zu koordinierende Vorgänge sind, kann
der Einsatz der nicht-dominanten Hand dabei zu erheblichen neurologischen und motorischen Konflikten im Kopf und Körper führen. Die rechte Gehirnhälfte, die bei Linkshändern für die Motorik ihrer
linken Hand dominant-zuständig ist, kommt nicht zum bestimmungsgemäßen Einsatz, die linke Gehirnhäflte übernimmt mit der rechten Hand die (Pseudo-)Führung, obwohl dafür nicht vorgesehen. Dies
erfordert viele neue, z. T. umweghafte neuronale Verknüpfungen und vor allem auch viel mehr Energie und Konzentration (bis zu 30 Prozent Mehraufwand). Auf Dauer ist die linke Gehirnhälfte
motorisch-steuernd überfordert und die rechte Gehirnhälfte motorisch-steuernd unterfordert und blockiert. Dies kann sich auch störend auf alle anderen Areale in den jeweiligen Hemissphären
auswirken. Das Gemeine ist, dass man all diese Vorgänge äußerlich ja nicht sieht, gesehen wird oberflächlich nur, ach, das "rechte Händchen funktioniert doch", also wo ist das Problem? Und was
soll daran bitte so schlimm sein?
Leider ganz vieles, was sich schon bei Kindern z. T. schnell zeigen kann und bei Erwachsenen, die dann mit fortschreitendem Alter immer größere Kompensationsschwierikgeiten bekommen: Man stelle
sich nur mal einen Unfall- oder Schlaganfallpatienten vor, der nun lernen muss, mit seiner nicht-dominanten Hand zu schreiben, filigrane Dinge im Alltag zu machen usw.: Abgesehen davon, dass ihn
unfall-/krankheitsbedingt natürlich noch andere Dinge belasten, werden die Anstrengung dessen und der große Zeitaufwand etc. dort besonders deutlich: Dies würde niemand in Frage stellen. Bei
Kindern, die von klein auf mit dieser immensen Anstrengung aufwachsen, wird es leider immer noch nicht durchgehend und genügend, vor allem in der "Fachwelt", als wirkliches Problem angesehen und
daraus resultierend auch Umschulungsfolgen nicht darauf zurückgeführt bzw. diese gar nicht als Umschulungsfolgen erkannt:
Schade, sehr schade, denn wird bei bestimmten Problemen, die z. B. bei Kindern auftreten, nicht nur das 08/15-Standard-Programm abgespult (z. B. bei Legasthenie-Problemen zur
"Legasthenie-Therapie" gegangen oder bei sog. ADS/ADHS-Symptomen gar Ritalin gegeben o. ä.), haben viele Händigkeitsberater, Ergotherapeuten, Ärzte oder Psychologen, die seit Jahrzehnten auf dem
Gebiet "Händigkeit" tätig sind und dies nicht ausblenden sowie Eltern, die sich dafür öffneten, sich informierten und Hilfe in Anspruch nahmen, große und frappierende Erfolge erzielt, wenn
die Kinder behutsam rückgeschult werden und ihre natürliche Händigkeit leben konnten. Vorherige Schwierigkeiten lösten und lösen sich "in Nichts" auf, die Kinder waren und sind wie ausgewechselt.
Primäre Umschulungsfolgen können sein (natürlich gibt es bei Linkshändern und Rechtshändern auch andere mögliche Gründe für die folgenden Aufzählungen oder es spielen sowieso
mehrere Dinge eine Rolle; auch sind die möglichen Umschulungsfolgen, deren Anzahl und Ausprägung individuell völlig unterschiedlich und sie können, aber müssen nicht auftreten):
- Konzentrationsschwierigkeiten (z. B. auch als anscheinendes sog. ADS/ADHS-Symptom!)
- Gedächtnisstörungen (auch z. B. Vergesslichkeit)
- Erschöpfungsgefühle (schon bei Kindern)
- motorische Probleme beim Schreiben (auch Stifthaltung, Aufdrücken etc.), Malen, Basteln, Essen (Besteck)
usw. und
- damit in Verbindung z. B. auch: äußerlich schlechtes Schriftbild, angeblich kein künstlerisches Talent,
angeblich ungeschickt etc.
- Rechtschreib- und Grammatikschwierigkeiten (Legasthenie)
- Rechen-/Zahlenverständnisprobleme (Dyskalkulie, ggf. auch b. belassenen LH als "Spiegelproblem"...)
- Rechts-Links-Unsicherheiten
- Stottern
- Wortfindungsprobleme
Sekundäre Umschulungsfolgen können sein (Hinweise wie oben bei den primären Umschulungsfolgen...):
- Verhaltensstörungen (z. B. auch als anscheinende sog. ADS-/ADHS-Symptome!)
- Selbstwertprobleme, Minderwertigkeitskomplexe
- Abgrenzungsprobleme
- das Gefühl, "nicht wirklich ich selbst zu sein"
- sich mit Problemen, vor allem emotional, "im Kreis drehen" oder "lange an etwas knabbern" (gehemmte
Verarbeitung, sprichwörtliche "Knotenbildung im Kopf" usw.)
- Überkompensation, ständig überhöhter Leistungseinsatz (mit der Folge "nicht runterzukommen") und / oder
- übersteigerter Perfektionsdrang (wobei ein gewisser Perfektionsdrang durchaus natürlich oder besondere
Begabung sein kann o. ä.)
- übersteigerte Trotz- und/oder Widerspruchshaltungen (ein gesunder Widerspruchsgeist ist durchaus positiv!)
- Klassenclownsyndrom (auch als anscheinendes sog. ADS/ADHS-Symptom!)
- Bettnässen
- autoagressives Verhalten (wie z. B. Nägelkauen, auf den Lippen kauen...)
- Wutanfälle, Jähzorn, Ungeduld
- häufige Kopfschmerzen (auch migräneartig, oftmals linksseitig)
- sog. Burn-out-Syndrom vor allem bei Erwachsenen im späteren Berufsleben
- innere Unruhegefühle, Schlafstörungen
- neurotische und/oder psychosomatische Störungen in unterschiedlichsten Richtungen und Ausprägungen
und
- Depressionen
Als "Standardlektüre" und für mehr Informationen empfiehlt sich "Der umgeschulte Linkshänder oder der Knoten im Gehirn" von Dr. Sattler, dieses und weitere interessante Bücher zum Thema findet
man z. B. hier: http://www.linkshaenderforum.org/linkshandartikel.html
ergänzt am 30.06.2011
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