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Umgeschulte Händigkeit kann zu Abhängigkeit führen

19. September 2010 , Geschrieben von himalaya Veröffentlicht in #Psychologie

 In der heutigen Zeit leiden immer mehr Menschen unter Depressionen und/oder Suchterkrankungen und suchen Hilfe in einer Psychotherapie. Zu diesen Menschen gehöre ich auch.

 

Vor kurzem habe ich einige Bücher zum Thema Abhängigkeit und destruktivem Verhalten aufgrund von emotionalem Missbrauch ausgeliehen und mich darin vertieft. Dort sind viele Fälle von schwachen oder narzisstisch gestörten Persönlichkeitsbildern geschildert, die beide von demselben tiefsitzenden Gefühl der Minderwertigkeit angetrieben werden. Kurz gesagt, Menschen werten sich selbst ab, vermeiden Konflikte oder suchen in anderen nach Bestätigung. Zum Beispiel durch überaus große Anpassung (>kann nicht Nein sagen<) oder Schuldzuweisungen. Sie geraten in Teufelskreise, die meist nicht ohne professionelle Hilfe durchbrochen werden können. Durch Hoffnungslosigkeit und die Überzeugung, dass sich niemals etwas ändern kann, haben viele Menschen kapituliert und fristen ihr Dasein ohne große Freude. Nicht wenige greifen zu Alkohol oder Essen, um die schlechte Stimmung zu betäuben. Einige suchen schließlich Hilfe, so dass Heinz-Peter Röhr seine Beobachtungen in Büchern formulieren konnte.

 

Er sucht die Wurzeln der Depression- und Suchterkrankungen vor allem in der Kindheit der Patienten und ihrem Verhältnis zu einem oder beiden Elternteilen. Dagegen spricht auch nichts. Ich persönlich frage mich allerdings, wie viele von diesen Patienten umgeschult sind, und inwieweit dieser Zustand der nicht gelebten Händigkeit die Entstehung krankmachender Verhältnisse begünstigt hat.

 

Ich erkenne mich voll und ganz in seiner Beschreibung des Gänsemagd-Syndroms wieder (schwache, abhängige Persönlichkeit; fällt schwer, wahre Identität zu leben). Ich war vor Beginn meiner Rückschulung auf die dominante Hand so und bin es jetzt, zwei Jahre danach, immer noch. Außenstehende würden keine Veränderung feststellen. Ich merke aber, wie sich mitten in dieser Abhängigkeitspersönlichkeit immer mal wieder ein bisschen Kraft und Mut entwickelt. So langsam und gemächlich, dass Außenstehende wie gesagt keinen Zusammenhang mit der Rückschulung (RS) herstellen würden. Man würde vielleicht sagen, ich bin spätreif und werde eben erst jetzt erwachsen. Was so gesehen der Wahrheit entspricht, nur wird dabei nicht anerkannt, dass mir dies alles nur aufgrund der RS möglich ist!

 

Genauso wie die Fähigkeit, mir in Notsituationen Hilfe zu suchen und anzunehmen. Zwar habe ich auch vor meiner RS eine Psychotherapie gemacht, diese ist jedoch gescheitert, da ich einfach nicht dazu fähig war, Hilfe anzunehmen, Ratschläge umzusetzen und allgemein gesprochen mich zu entwickeln. Ich war schwach und sah keinen anderen Weg, als mich auf die Menschen in meinem Umfeld zu stützen, wodurch ich mich abhängig von ihnen machte.

Durch diese Beobachtungen an mir selber halte ich es für kein Wunder, dass Sattler (‚Der umgeschulte Linkshänder’) und andere eine RS in manchen Fällen als unfruchtbar betrachten und davon abraten. Auf den ersten Blick scheint sich nichts zu ändern oder gar zu verschlimmern. Ungeduldig, wie wir Umgeschulten nun einmal sind, brechen einige Betroffene die RS dann ab oder schreiben zumindest sporadisch wieder mit rechts; sie sehen sich in ihrem Glauben, dass sich nie etwas verändern kann, bestätigt. Der Pessimismus gewinnt Oberhand.

 

Ich staune selber immer wieder darüber, dass ich die ersten zwei Jahre bis hierhin durchgehalten habe. Das ist eine Premiere in meinem Leben, bei wirklich allem anderen habe ich meinen Pessimismus siegen lassen und aufgegeben. Auf der anderen Seite hatte ich jedoch keine Möglichkeit, meine RS aufzugeben, denn mein Körper war sehr eindeutig zu mir, zum ersten Mal wusste er genau, was er (und ich) wollte und hat mir immer wieder vor Augen geführt, wie schädlich rechtshändig-dominante Tätigkeiten für mich sind. Meine Psyche hat da mitgezogen: meine Linkshändigkeit aufzugeben hat sich früher wie heute angefühlt, als würde ich sterben. Nicht mehr existieren. Es gab nur einen Weg, und zwar den nach vorne.

 

Ich würde eine Rückschulung also wirklich jedem umgeschulten Linkshänder empfehlen, ob mit riesigen oder kaum wahrnehmbaren Umschulungsfolgen. Manchmal verändern sich im Laufe der Zeit Dinge, die man vorher nie im Leben mit der nicht gelebten Händigkeit in Zusammenhang gebracht hätte, und dann ist das Wunder und die Freude über diese Verbesserung umso größer.

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