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Erste Male

6. Mai 2010 , Geschrieben von anaconda Veröffentlicht in #Momente des Lebens

In der Rückschulung gibt es so viele erste Male, und die sind bittersüß. Es hat einen besonderen Reiz, mit neuen Augen auf alles zu schauen und alles noch einmal von vorn beginnen zu können. Meine ersten Schnitte mit einer LH-Schere - ich habe mich gefühlt wie ein Kind im Supermarkt. Plötzlich passt alles an die richtige Stelle, plötzlich funktioniert alles.

Meinen ersten Nagel in die Wand geschlagen - hat übrigens auf Anhieb funktioniert und war der erste Nagel meines Lebens, der nicht krumm geworden ist. 

Das erste Mal vor anderen eine Unterschrift leisten, Badminton spielen, mit links, ganz selbstverständlich, und zum ersten Mal die Frage "Bist du LH?" ebenso selbstverständlich bejahen. Bin ich ja auch. 

Das erste Mal mit Kreide an eine Tafel schreiben. Vielleicht war die Qualität der Kreide nicht so überbordend, auf jeden Fall ist mir nie vorher dieser Reibungswiderstand aufgefallen.

Der erste Muskelkater im linken Arm. Ein wohlig warmes Kribbeln, das einem abends sagt, man hat etwas getan. Wie Sonne auf der Haut. 

Das erste Mal ganz selbstverständlich mit links nach etwas gegriffen und gemerkt, ja, das passt so, so will mein Körper das. 

Und dann kommen die desillusionierenden Momente. Meist, wenn ich in einer Gruppe sitze, und plötzlich vor anderen etwas zum ersten Mal machen muss, was ich vorher nicht im stillen Kämmerlein üben konnte. Einmal sollten wir mit Edding unsere Sitznachbarn porträtieren. Ich war bisher nie über die Blumenverzierung meiner Schreibtischunterlage während des Telefonierens hinausgekommen, und jetzt das! Ich entschuldigte mich im Voraus bei meiner Sitznachbarin für alles, was kommen würde, und bat sie, die Zeichnung nicht persönlich zu nehmen. Am Ende war mein Beitrag im unbedarften Mittelfeld, jedenfalls völlig unauffällig.

Trotzdem kann ich nicht umhin, rot zu werden, wenn eine Anwesenheitsliste kursiert, auf der man unterschreiben soll. Ich gebe anderen meine Telefonnummer nicht, weil ich Angst habe, sie könnten sie nicht lesen. Und das mit Recht. Zum Glück bin ich über die Analphabetenphase schon hinaus, in der ich wie gelähmt neben Schreibenden saß und weder vor (mit links schreiben) noch zurück (mit rechts schreiben) konnte. Es ist schwer, sich an den Übergang, das Unperfekte zu gewöhnen. Ich frage mich, wie viel Gehirnschmalz/Energie/Nerven das wohl kostet.

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